Vor 35 Jahren bewahrte uns der 44-Jährige vorm 3. Weltkrieg.

Am 19. Mai letzten Jahres verstirbt Stanislaw Petrow so, wie er immer gelebt hat: still und unbemerkt. Die Weltöffentlichkeit bekommt nichts mit vom Tod des Witwers, der einsam in einer winzigen Wohnung im Moskauer Vorort Frjasino lebte. Dabei ist Stanislaw Petrow der Mann, der die Welt rettete.

Der Tag, an dem die wohl größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts verhindert wird, ist der 26. September 1983. Die Welt befindet sich auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Die sowjetische und die US-Regierung versuchen, sich  gegenseitig beim atomaren Wettrüsten zu übertrumpfen. Angespannt wartet jede Seite auf den Überraschungsangriff der anderen.

Der damals 44-jährige Offizier Petrow arbeitet in der Zentrale des Satelliten-Frühwarnsystems „Oko“, das er als Ingenieur selbst mitprogrammiert hat. Damit kann man die Atomraketen zwar 10 Minuten früher melden als zuvor mit Radarüberwachung, jedoch nicht abwenden – nur schneller zum tödlichen Konter anlegen, damit die Menschen auf der Feindesseite ein paar Minuten früher sterben als man selbst.

Kurz nach Mitternacht schlagen die Sirenen auf dem Stützpunkt Alarm: Offenbar ist eine US-amerikanische Rakete abgefeuert worden. Ziel: Sowjetunion. Alle Augen richten sich auf Schichtleiter Petrow. Streng nach militärischer Vorschrift müsste er die Kommandozentrale informieren, damit diese zum Gegenanschlag ausholt – was Millionen Menschen das Leben kosten würde. Doch der Russe zögert: Er hält es für unwahrscheinlich, dass die Amerikaner einen nuklearen Großangriff mit nur einer einzigen Rakete starten würden. Also meldet er Fehlalarm. Doch kurz darauf erneuter Sirenenlärm: Die Satelliten haben vier weitere Raketen erfasst. 

Doch auch diesmal bleibt er skeptisch und folgt seiner Intuition: „Ich vertraute damals meiner Erfahrung und meinem Gefühl. Wir sind klüger als die Computer. Wir haben sie geschaffen“. Erneut gibt er einen Fehlalarm an die Zentrale weiter. „Nur: Sicher war ich mir in dem Moment natürlich nicht“, gibt er zu. 17 lange Minuten muss er bangen, ob er richtig lag; dann geben auch die Radarsysteme Entwarnung: keine nuklearen Sprengköpfe in Sicht. Vermutlich hat das Frühwarnsystem einen von einer seltenen Wolkenformation reflektierten Sonnenstrahl als Raketenstart missinterpretiert. 

„Mein Stuhl fühlte sich an wie eine heiß brutzelnde Pfanne und meine Beine wurden taub, so nervös war ich“, erinnert sich Petrow später. „Ich wollte absolut nicht der Auslöser für den Dritten Weltkrieg sein.“ Was ein Atomkrieg für die Welt bedeutet hätte, mag man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Wissenschafter haben das Szenario errechnet: Weltweit hätte es wohl rund 750 Millionen Tote und 340 Millionen Verwundete gegeben. 

Wegen oberster Geheimhaltung bleibt Stanislaw Petrows Verdienst für die Menschheit jedoch jahrelang unbemerkt. Nicht einmal seiner Ehefrau erzählt der Familienvater von den Ereignissen aus der Nacht vom 26. September. Erst 1998 macht sein ehemaliger Vorgesetzter den Fall in der Presse publik. Und so wird der Russe 15 Jahre später zum Mann, der die Welt rettete. Nach dem Bekanntwerden seiner Heldentaten wird Petrow mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Mit dem Begriff „Held“ tut sich der Mann jedoch zeitlebens schwer: „Glauben Sie mir, ich bin kein Held. Ich habe nur meine Arbeit getan. Ich war vielleicht nur der richtige Mann am richtigen Ort.“ 

Bereits 1984 freiwillig aus dem Militärdienst ausgeschieden, arbeitet der Russe bis zu seiner Rente bei einem Forschungsinstitut und verbringt seine letzten Lebensjahre nach dem Tod seiner Frau bescheiden und zurückgezogen. Nur durch Zufall erfährt die Welt ein halbes Jahr nach seinem Ableben im Mai letzten Jahres vom Tod des Mannes.

Auch wenn Stanislaw Petrow selbst nie ein Held sein wollte: Er wird für immer als der Mann in Erinnerung bleiben, der die Welt und Millionen von Menschen vor einem nuklearen Inferno bewahrt hat.

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